WDR
Die Intendantin
Herrn
Aribert Deckers Langmirjen 45 27578 Bremerhaven
21.01.2010
Westdeutscher Rundfunk Köln
Anstalt des öffentlichen Rechts
Sehr geehrter Herr Deckers,
»
vielen Dank für Ihr Schreiben vom 24.12.2009 zu den Sendungen Heilung unerwünscht vom 19.10.2009 und Hart aber fair: Testfall Schweinegrippe - sind wir Versuchskaninchen der Pharmaindustrie?vom 21.10.2009 im Ersten.
Obwohl Sie auf eine Antwort ausdrücklich keinen Wert legen, erlaube ich mir, Ihnen zu schreiben und möchte zu den grundsätzlichen Sachverhalten Stellung beziehen.
Ich stimme Ihnen ausdrücklich zu, dass unsere Zuschauerinnen und Zuschauer ein Recht auf einwandfreie und wahrheitsgemäße Berichterstattung haben. Wir haben deshalb den Beitrag auch sehr kritisch intern geprüft und besprochen. Wir nehmen insofern Kritik sehr ernst, allerdings muss sie sachlich bleiben.
Sie werfen den verantwortlichen WDR-Redaktionen handwerkliche Fehler und Schleichwerbung bei der Berichterstattung über die Creme „Regividerm" vor. Beide Vorwürfe muss ich in dieser Pauschalität zurückweisen.
Die langjährige, wechselvolle Geschichte der betreffenden B12-Creme recherchierte der WDR-Journalist Klaus Martens für den Film Heilung unerwünscht mehr als ein Jahr lang sehr sorgfältig. Seine Dokumentation lässt Wissenschaftler und Ärzte zu Wort kommen, die mit dem Mittel Erfahrungen gesammelt haben. Auch Vertreter der pharmazeutischen Industrie nehmen Stellung. Dabei wird aufgezeigt, dass - anders als Sie behaupten - über Jahre hinweg kein Hersteller Interesse gehabt hatte, die Creme herzustellen.
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Unseren Recherchen nach ist es nicht zutreffend, dass das Unternehmen „Galderma" eigene Studien finanziert und die
Gesetzlicher Vertreter des Westdeutschen Rundfunks Köln ist die/der Intendant(in). Der Westdeutsche Rundfunk Köln kann auch von zwei vom Intendanten bevollmächtigten Personen vertreten werden. Auskünfte über den Umfang der Vollmachten erteilt die/der Justiziar(in) des Westdeutschen Rundfunks Köln.
Produktion der B12-Creme abgelehnt hat, weil sie sich als wirkungslos erwiesen habe. Die in der Sendung erwähnten Studien erfüllen nachweislich alle Kriterien und methodischen Anforderungen einer „klinischen Studie". Sie wurden sogar vom TÜV evaluiert. Es handelt sich also nicht um „unzureichende Studien", wie Sie unterstellen. Die Verfasser der Studien sind renommierte Wissenschaftler und Ärzte. Entgegen Ihres Einwandes verfügt das Mittel als Medizinprodukt sogar über eine Zulassung für Kinder ab dem ersten Lebensjahr.
Der Autor der Dokumentation Heilung unerwünscht, Klaus Martens, wurde fachlich im Rahmen seiner Recherchen von mehreren Fachleuten, auch aus der Industrie, beraten. Er ist ein erfahrener, sorgfältiger Filmautor, der bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Vor diesem Hintergrund muss er kein expliziter „Fachmann auf dem Gebiet der Medizin" sein, wie Sie fordern.
Herrn Professor em. Schönhöfer hatte Klaus Martens nicht zu Rate gezogen, da dieser als Pharmakologe Fachmann für metabolisch-pharmazeutischer Wirkungsweise von Medikamenten ist, zu denen „Regividerm" nicht gehört.
Keinesfalls beinhaltete die Berichterstattung über die B12-Creme Schleichwerbung. Weder der Autor noch der WDR haben finanzielle oder geldwerte Zuwendungen für diesen Beitrag erhalten. Genauso wenig waren werbliche Intentionen zugunsten des Mittels bei der Veröffentlichung im Spiel. Die Redaktion der story hat, im Gegenteil, unter Hinweis darauf, dass jeder Hautarzt die Creme in der Apotheke anrühren lassen kann, die Rezeptur zwei Tage nach der Ausstrahlung von Heilung unerwünscht allen interessierten Zuschauern zugänglich gemacht. Dies geschah, da die Redaktion an diesem Tag einen ersten Hinweis erhalten hatte, dass die Markteinführung der Salbe unmittelbar bevor stehen könnte. Auch die Redaktion von Hart aber fair hat am Abend ihrer Sendung die Rezeptur für das Mittel der Öffentlichkeit im Internet frei zur Verfügung gestellt und zusätzlich den Zuschauern bei entsprechenden Anfragen die Zusammensetzung der Creme mitgeteilt. Beide Redaktionen haben damit Informationen veröffentlicht, durch die jeder Interessierte in die Lage versetzt wurde, sich die Creme „auf eigene Faust" mischen zu lassen. Hinweise also, die ganz und gar nicht im Interesse eines potentiellen Herstellers, von dem zum Ausstrahlungstermin zudem noch nicht klar war, dass er die Creme auf den Markt bringen wollte, lagen. All dies spricht gegen eine werbliche Absicht. Schon aus diesem Grund können wir Ihren Vorwurf, eine „PR-Kampagne" für das Produkt betrieben zu haben, nur zurückweisen. Zudem hatte der Autor kurz vor Ausstrahlung des Films beim Hersteller
nachgefragt, ob eine Markteinführung der Creme bevorstünde. Diese Anfrage wurde negativ beschieden. Das ist rückblickend ärgerlich. Der WDR hat jedoch keine Einflussmöglichkeiten auf das Geschäftsgebaren anderer Unternehmen.
Die Einladung von Klaus Martens in die Diskussionssendung Hart aber fair am 21.10.2009 erfolgte allein aus journalistischen Gründen. Wie schon im Titel angekündigt (Testfall Schweinegrippe - sind wir Versuchskaninchen der Pharmaindustrie?) hatte die Redaktion entschieden, in ihrer zweiten Sendung zum Thema Schweinegrippe den Fokus auf die Impfdebatte zu legen und sich dabei kritisch mit der Rolle der Pharmaindustrie zu beschäftigen. Klaus Martens wurde eingeladen, um zu verdeutlichen, dass die Produktionspraktiken der Pharmabranche auch jenseits der Diskussion um die Schweinegrippe in der Kritik stehen.
Seine Gesprächsbeiträge wurden, wie bei Hart aber fair üblich, in der Sendung offen diskutiert. So hatte die Redaktion ganz bewusst Dr. Siegfried Throm als Vertreter der Pharmaindustrie sowie die kritischen Experten Professor Beda Stadier und Markus Grill in die Live-Sendung eingeladen; sie wurden als „Gegenpart" zu dem von Ihnen kritisierten Klaus Martens immer wieder in die Diskussion eingebunden und konnten seine Darstellungen in Frage stellen und kritisieren. Die in der Runde gemachten Einwände wurden also keineswegs „ignoriert", wie Sie behaupten. Im Gegenteil - ganz wie Sie es in Ihrem Schreiben fordern, konnten die „Tatsachenbehauptungen" des Autors von den anderen Experten live in der Sendung eingeordnet werden. Auch das spricht gegen eine Werbeabsicht und für die redaktionelle Unabhängigkeit der Redaktion. Darüber hinaus waren alle Gäste von Hart aber fair zuvor über die Einladung von Klaus Martens, über die damit zusammenhängende Thematik wie auch über die Ausstrahlung seiner Dokumentation Heilung unerwünscht informiert worden. Sie konnten sich damit sowohl thematisch als auch zeitig genug auf die Sendung vorbereiten - auch auf die Fakten und Argumente von Herrn Martens. Herr Dr. Throm hat dies in der Sendung bestätigt.
Sie unterstellen, in Frank Plasbergs Sendung sei von einem „hochwirksamen Medikament" gesprochen worden. Das trifft nicht zu. Im Gegenteil: Frank Plasberg und Herr Martens haben an drei Stellen ausführlich darüber gesprochen, dass die Creme nicht heilen, sondern nur lindern kann. An welcher Stelle die im „Faktencheck" von Hart aber fair vorgelegten Unterlagen „die Unwahrheit der Aussage, die Salbe sei verhindert worden" beweisen sollen, kann ich nicht nachvollziehen. Tatsache ist aber,
dass im „Faktencheck" aus Gründen des Persönlichkeitsrechtes nicht alle Beweis-Dokumente veröffentlicht werden konnten.
Abschließend kann ich nach Vorlage aller Fakten Ihre Kritik zu den beiden betroffenen WDR-Sendungen in dieser Vehemenz nicht teilen.
Dessen ungeachtet haben uns die Reaktionen auf die Sendungen aber nochmals verdeutlicht, wie vorsichtig und differenziert mit Berichterstattung und Aussagen über Medikamente oder Heilverfahren umzugehen ist, um nicht unberechtigte Hoffnungen zu wecken. Wir werden dies bei unserer künftigen Arbeit noch stärker berücksichtigen.
Mit freundlichen Grüßen

Monika Piel